Im Tempel
Sieben Wochen lang haben sie an jedem Freitag gefastet und sich dabei etwas gewuenscht, nun ist es soweit: es geht zum Tempel und beide wissen genau: nun wird der Wunsch bestimmt in Erfuellung gehen. Abend ist es schon und dunkel, die Weg zum Tempel ist gepflastert mit kleinen laeden, Blumen kann man kaufen, fuer die Goetter; aber es gibt auch Essen und Spielzeug und allerlei andere Sachen. Wir erklimmen die Stufen zum Tempel, ziehen die Schuhe aus, muessen uns die Fuesse waschen und duerfen dann eintreten. Hoehlenartig liegt da dieser Verschlag vor uns, es geht einige Stufen nach unten, der Eingang ist mit Silberspray besprueht worden, wirkt aber wegen der feierlichen Beklommenheit der Maedchen nicht laecherlich. In der kleinen Ausbuchtung am Treppenende steht eine Art kleiner Altar, ein silbernes Tablett, auf das man Geld legt, wenn man hinunter geht. Rechts daneben im Schneidersitz ein bestaendig singender Brahmane. Ich beobachte die Maedchen, wie sie hinunter gehen, lange Zeit kniend, den Kopf bis zum Boden vornueber geneigt, verharren. Ploetzlich drueckt mir eine der Angestellten. die uns begleitet hat, ein 5 Rupien Stueck in die Hand und nickt mir aufmunternd zu – seit Jahren habe ich mich nicht mehr so unsicher, so schuechtern gefuehlt. Ich gehe also langsam die Stufen hinunter und ueberlege krampfhaft, was ich nun wohl tun muss (staendig sehe ich Leute die Treppenstufen, dann ihren Mund beruehren; oder so eine Art Bekreuzigung ausfuehren. Aber was wann und warum?), schon bin ich unten, der Brahmane singt, im Halbdunkel schlaegt mir das Herz bis zum Hals, weil ich nichts falsch machen will oder am Ende gar jemanden beleidigen. Ich knie, presse die Handflaechen zusammen wie zum nicht ausgesprochenen Namaste, beuge mich ein bisschen nach vorn, meine den Brahmanen aus dem Augenwinkel laecheln zu sehen: ich lege ihm beschaemt das 5 Rupienstueck auf sein Tablett, er schuettet mir etwas in die Hand, ich stehe auf und bemuehe mich, moeglichst andaechtig wieder hinauf zu kommen. Das was er mir da in die ausgestreckte Hand geschuettet hat, stellt sich als eine Art essbare Perlen heraus; ein Gewuerz ueberzogen mit einer Zuckerglasur. Anschliessend sitzen wir alle oben im Schneidersitz auf dem Steinboden, die Haende gefaltet. Eines der Maedchen lehnt sich erneut vorn ueber, so dass ihr Kopf den Boden beruehrt (betet sie? Vermutlich), die anderen schwatzen und lachen, offenbar ist hier kein christlicher Ernst geboten (denn unwillkuerlich muss ich - in Betrachtung dieses bunten Ortes, voller Gesang, Raeucherstaebchen, Glitzersteinen - an die grossen, dunklen, christlichen Kirchen denken, in denen nicht gesprochen, nur gefluestert wird, in die sooft kaum ein Lichtstrahl faellt. Eine dunkle, eine strafende Religion – und nun der Hinduismus! Der vielfaeltige, bunte Hinduismus, dessen Goetter nicht ohne Fehler sind; an dessen heiligen Staetten auch aus voller Kehle gelacht werden darf (zB als die Heimangestellte, die ziemlich klein und dick ist, nach oben springt, um die Glocke zu laeuten, die vor einem der bunten Altare haengt, in denen Ganeshabilder von bunten Lichterketten beleuchtet werden und die Glocke einfach nicht erreichen kann.
Auf dem Rueckweg sind alle in ausgelassener Stimmung. Wir haben unsere Schuhe wieder, sind um einige Rupien und einige Milliliter Blut erleichtert (die Muecken hie koennen gar nicht von mir lassen) und fahren durch die Dunkelheit ueber holprige Strassen voller Schlagloecher zurueck nach Hause. Und die Maedchen singen.
Auf dem Rueckweg sind alle in ausgelassener Stimmung. Wir haben unsere Schuhe wieder, sind um einige Rupien und einige Milliliter Blut erleichtert (die Muecken hie koennen gar nicht von mir lassen) und fahren durch die Dunkelheit ueber holprige Strassen voller Schlagloecher zurueck nach Hause. Und die Maedchen singen.
la lune qui brille - 14. Aug, 11:50