After every sad day comes a glad day oder am Bahnhof

Tagebucheintrag 22.08.06, ca 00.00Uhr

Unaussprechlich vielleicht, unbeschreiblich, was wir gesehen haben, wie eine halbe Stunde vielleicht unser Leben veraendern wird (...). Wie wir umringt waren, von toten Augen und von vor Dreck starrenden Haenden.
Dieser Graben zwischen dem, was wir sind und dem, was sie sind, ist tiefer als der Ozean.
Und was man wusste, das hatte man aus einem Bilderbuch, aus einem Traum, aus einem Kinofilm. Man fasst es an, was man doch geahnt, gewusst, erwartet (?) hat und es kommt wie eine Welle ueber einen. Man ertrinkt darin, alles ist wie im Wahn, man stolpert ueber die Flaschen, den Schmutz und ueberall: die Gier.
Eine Zuegellosigkeit, etwas so unbeschreiblich Wildes, niemals Sattes, das einem den Hals zuschnuert. Und alles wird erst im Nachhinein erlebt, man kommt nicht hinterher. Ein sinkendes Schiff und das Singen kommt aus heiseren Kehlen und beim Tanzen stolpert man ueber den Nebenmann und den Abfall, in der offenen Hand noch den Klebstoff, das Brot und den Schmutz.


Es ist schon dunkel, 8 Uhr vielleicht, als wir erfahren: es geht noch einmal los. Zum Bahnhof, sehen, woher unsere ca 130 Kinder gekommen sind.
Die Fahrt ist lang, Rohid und Deal summen mit den orientalischen Klaengen, die – leicht verzerrt - aus Rohids Handy droehnen: ueber Stock und Stein geht es, im Slalom um Kuehe, Hunde, Schweine, manchmal: Menschen.
Drei Dinge soll man brauchen, um in Indien Auto zu fahren:
Good horn, good brake, good luck.
Wir lehnen uns auf der Rueckbank zurueck und harren der Dinge die da kommen moegen, versuchen unser gelegentliches Gekreische auf ein minimales Mass zu beschraenken, um den Fahrer nicht noch zusaetzlich zu animieren, seine Augen von der Strasse zu nehmen. Wir schlaengeln uns durch enge Gassen, scheinen die halbe Stadt durchfahren zu haben – und sind ploetzlich beim “alten Kinderheim” – das erste, das hier errichtet worden ist und in dem etwa 40 Jungen leben. Das Gittertor wird uns geoeffnet, im Vorbeigehen beruehrt ein Junge meine Fuesse: ein Zeichen tiefsten Respekts. Keine Zeit bleibt mir, ueber das Unangenehme, das solche Verhaltensweisen fuer mich haben, nachzudenken, alle stehen sie synchron vom Teppich auf, auf dem sie noch eben gesessen und wohl gebetet haben und pressen die Handflaechen aneinander zum Namaste, das beinahe im spaerlich bemoebelten Raum widerzuhallen scheint. Man fuehrt uns herum, auch wenn es wenig zu sehen gibt. Tee gibt es, und Wasser und lauter Jungs unterschiedlichsten Alters, die einem die Hand schuetteln wollen, sehr hoeflich sind und ein bisschen schuechtern.
Riaj treffen wir wieder, den wir letzte Woche noch im Daycare-Center getroffen haben: Riaj, der eine weite Strecke zurueckgelegt hat, um zu diesem Projekt zu kommen, wie man uns erzaehlt.

Wir fahren weiter zum nahegelegenen Bahnhof. Der Schmutz, auch: die Atmosphaere (vorallem die Atmosphaere) sind sehr schwer zu beschreiben. Man soll die Fenster des Busses geschlossen halten, in dieser Gegend. Alles ist getaucht in ein orange-braunes Licht. Wir betreten den Bahnsteig, die Polizei soll gerade sehr streng mit dessen Bewohnern sein. Nichts ist zu sehen, von Alten, Kranken, Verletzten, von offenen Wunden und einem Elend, dem Einheimische mit Mundschutz begegnen. Ein Kind kommt nun ueber die Gleise gesprungen, grinst und bietet an, uns zu den anderen zu bringen.
Nun geht alles so furchtbar schnell, wieder hinaus aus dem Bahnhof, weg von den Bahnschienen, in eine Seitengasse und es wird ploetzlich dunkler und eng. Alles geht so rasend schnell, man kann kaum folgen; wir laufen diese schmale, teils ueberdachte Gasse hinunter; vielleicht 30m lang fuehrt uns der Weg direkt in eine Sackgasse. Im Halbdunkel, ueberall Menschen und ploetzlich: wir, mittendrin. Eine ganze Horde enwartet uns dort, ausschliesslich maennlich, jeder Einzelne hier scheint high zu sein. Neben uns schnueffelt ein Junge Klebstoff. Unzaehlige scheinen es zu sein, die da auf uns einstroemen, von allen Seiten kommen sie, wollen Haende schuetteln und anfassen und sehen; schmutzige kleine und groessere Haende, die nach uns greifen. Etwas Surreales hat das, das nicht in Worte zu fassen ist. Alles geht so rasend schnell, ich nehme alles nur im Groben wahr: die leeren Schnapsflaschen, ueber die ich stolpere und mir ein bisschen den Fuss verknackse. Ich werfe den ersten Blick zum Boden und alles ist uebersaet mit Abfall, Flaschen, Flaschen und noch mehr Flaschen. Aufblicken und nur noch Menschen sehen – die anderen drei Europaer, die von mir in der Menge “abgetrieben” werden. Mulmig wird mir hier, mein Magen scheint sich zu drehen – aber eine Spur Angst, diese Mischung aus Erschlagenheit und Hysterie, die kommt erst viel spaeter. Ich bin schon eingekeilt, umringt von Menschen, die mich ansehen mich anstarren. Wie von einem anderen Stern ist man. Alle sind neugierig, mit einem grossen gierig darin; Blicke aus wilden, verdrehten Augen.
Alles hier ist wie verfault, kaputt. Ein Blick in das naechste Augenpaar und unsicher wird man. Verschleierte Augen, harte Augen und die Gier; ein Hunger, der mir die Kehle zuschnuert.
Ploetzlich drueckt er meine Hand, ein untersetzter Jugendlicher – unmoeglich zu sagen, wie alt er ist; wie bei den allermeisten hier – sein Finger faehrt ueber meine Handinnenflaeche, als ob er etwas wollte, ich entziehe ihm meine Hand, fange seinen Blick um sogleich in eine andere Richtung zu schauen. Und alles geht so schnell. Er steht so nah bei mir, seine Hand an meinem Bein, meinem Bauch...- er hat seine Hose geoeffnet, stelle ich erstaunlich nuechtern fest. Wie komisch das ist, dass ich keine Angst habe, das kommt mir erst hinterher. Wieder hat er meine Hand gegriffen und haelt sie zu fest; sein Koeper presst sich an den meinen. Ich entreisse ihm meine Hand erneut, bestimmter, diesmal, und versuche ihn mit dem rechten Arm auf Abstand zu halten, soweit das moeglich ist. Es ist einfach kein Platz, alles zu sehr aus dem Rahmen, ich eingequetscht zwischen sovielen Menschen, ich kann nicht fort, alles zu sehr aus dem Rahmen um sich auch nur noch einen Anschein von Realitaet zu bewahren.
Ein Mann hinter mir, wohl ein Mitarbeiter vom alten Heim, bahnt uns einen Weg nach draussen, waehrend ich noch mit dem Untersetzten zu kaempfen habe.
Wie in Trance schieben wir uns zurueck auf den Vorplatz des Bahnhofs, sind bald umringt von einer grossen Traube Menschen. Den Untersetzten sehe ich nicht mehr, er scheint in dieser Drogenhoehle geblieben zu sein – aber die Situation ist noch immer so sonderbar und fordernd, dass ich kaum aufatmen kann. Wie Tiere drangen sie sich um uns, starren uns an.
Asha versucht, mit den Jungen zu sprechen – kommt zu uns, sagt sie, kommt zu Nitya Seva. Sie singen, sie tanzen, fallen uebereinander, als koennten sie sich kaum mehr auf den Beinen halten und alles ist so unsagbar grotesk, so widersinnig, ploetzlich. Die unmittelbare Gewissheit einer nur bedingt definierten Gefahr muss uns alle durchlaufen, in diesem Moment. Schweissperlen stehen auf den Stirnen der Mitarbeiter, die ihr Bestes geben, die Menge zurueckzuhalten. Wieder bin ich eingekeilt, zwischen halbweggetreten Kindern, die vor mir herumfallen, und Maennern zwischen 20 und 40 vielleicht, die sich hinter mir draengen und ihren Kreis immer enger ziehen, immer enger... Ich drehe mich um und sehe in etwa 15 Augenpaare, die mich alle gierig begaffen – man fuehlt sich, als wuerde man von diesen Blicken bei lebendigem Leibe verspeist. Vor mir, neben mir, hinter mir Maenner... Brot wird verteilt, an die Kinder mit den glasigen Blicken; die betrunkenen, die bekifften, die durchweg halbweggetretenen, die verlorenen Kinder von Bhopal.
Das Singen wirkt so schraeg, selbst Ashas Lachen ertrinkt. Etwa 5m Luftlinie von mir, ein Mandir mit geschlossenen Toren. Einige Brahmanen beobachten uns, sicher hinter den Gittern. Mir direkt gegenueber steht ein sehr magerer, alten Mann, die Haende das Gitter umklammernd, als sei er eingesperrt, und er starrt mich an, starrt mich an, auf eine Art, die noch viel unaussprechlicher ist, als die der anderen – gerade so, als wolle er mich hypnotisieren.
Hinter mir wird die Menge zurueckgedraengt, eine schmale Gasse entsteht, durch die wir zum Auto stolpern.
Kaum ein Wort wird gesprochen auf der Heimfahrt. Es ist elf Uhr.

Spaeter treffe ich Lena. Wir sitzen auf dem kleinen Balkon, machen kein Licht, sprechen ueber Gluehwuermchen und darueber, dass die Poster luegen.
Den “idealen Jungen” gibt es da, der nicht verschlaeft, Vater und Mutter ehrt, nicht stiehlt. Diese zerfledderten, ausgeblichenen, aufgeweichten Poster (da hier alles feucht und fleckig wird), die es an jeder Strassenecke zu kaufen gibt und die alles, aber auch alles zu verhoehnen scheinen, was ist.
Diese Jungen haben wir gesehen, in ihren fleckigen, loechrigen Sachen; haben ihnen gegenuebergestanden, Auge in Auge mit diesen halb weggetreten, diesen zerstoerten, diesen Jungen. Und die Maedchen in der Stadt, mit den verfilzten Haaren und der bettelnden Mutter.
Der Schlamm, der Staub der Laerm, die heruntergekommenen, fensterlosen Haeuser – und das “after every sad day comes a glad day”-Poster, eine Ecke abgerissen, die andere verfaerbt. Wie ein Import aus einer anderen Welt.
Die Kontraste in diesem Land sind so eindruecklich, ich weiss nicht, ob wir alle je vergessen werden.

Und Lena und ich, wir sitzen im Dunkeln auf dem Balkon und wir lachen, um nicht zu weinen, schuetteln uns vor Lachen und liegen schon auf dem Boden und koennen schoen nicht mehr atmen und sagen uns gegenseitig, keuchend und unterbrochen von staendig aus uns heraus brechenden Lachsalven: After every sad day comes a glad day und wir lachen, um nicht zu weinen.
Manu aus dem Chaos (Gast) - 28. Aug, 15:37

Respekt...

Ich habs nicht geschafft, nicht zu heulen... *Taschentuch suchen geht*

la lune qui brille (Gast) - 28. Aug, 17:23

Ach was...

ich kann noch nicht mal sagen, dass mich das ehren wuerde. Es ist ja nur die Wahrheit.

Nora reist

6 Monate Indien + 2 Monate Südafrika

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Gerne würde ich...
...hier weiterbloggen, leider bietet twoday.net aber...
la lune qui brille - 15. Jul, 18:28
Wenn ich mir das alles...
Wenn ich mir das alles bildlich vorstelle, wie Du zwischen...
Christian S. (der mit den Liedern ;-) (Gast) - 1. Apr, 10:55
Into the wild
Wir fahren in D.s Mietwagen Richtung Limpopo, raus...
la lune qui brille - 28. Mär, 13:27
leben. und so.
Die Nächte hier sind ruhig, begleitet vom ambitionierten...
la lune qui brille - 17. Feb, 22:19
system: error
Dinge, die hier nicht funktionieren - darüber musste...
la lune qui brille - 12. Feb, 15:24

Web Counter-Modul

mindestens haltbar - magazin für meinungen

Suche

 

Status

Online seit 6829 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 15. Jul, 18:28

Credits

Stimmen
gegen AIDS

kostenloser Counter

Johannesburg
Sicherheit
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren