Montag, 28. August 2006

Up, up and away

Lena und ich fahren fuer einige Tage nach Agra und Delhi, "Urlaub" sozusagen :)
mal sehen, ob ich in der Zeit dazu komme, ein bisschen zu berichten, werde mich aber bemuehen, meine Emails zu lesen...

Samstag, 26. August 2006

After every sad day comes a glad day oder am Bahnhof

Tagebucheintrag 22.08.06, ca 00.00Uhr

Unaussprechlich vielleicht, unbeschreiblich, was wir gesehen haben, wie eine halbe Stunde vielleicht unser Leben veraendern wird (...). Wie wir umringt waren, von toten Augen und von vor Dreck starrenden Haenden.
Dieser Graben zwischen dem, was wir sind und dem, was sie sind, ist tiefer als der Ozean.
Und was man wusste, das hatte man aus einem Bilderbuch, aus einem Traum, aus einem Kinofilm. Man fasst es an, was man doch geahnt, gewusst, erwartet (?) hat und es kommt wie eine Welle ueber einen. Man ertrinkt darin, alles ist wie im Wahn, man stolpert ueber die Flaschen, den Schmutz und ueberall: die Gier.
Eine Zuegellosigkeit, etwas so unbeschreiblich Wildes, niemals Sattes, das einem den Hals zuschnuert. Und alles wird erst im Nachhinein erlebt, man kommt nicht hinterher. Ein sinkendes Schiff und das Singen kommt aus heiseren Kehlen und beim Tanzen stolpert man ueber den Nebenmann und den Abfall, in der offenen Hand noch den Klebstoff, das Brot und den Schmutz.


Es ist schon dunkel, 8 Uhr vielleicht, als wir erfahren: es geht noch einmal los. Zum Bahnhof, sehen, woher unsere ca 130 Kinder gekommen sind.
Die Fahrt ist lang, Rohid und Deal summen mit den orientalischen Klaengen, die – leicht verzerrt - aus Rohids Handy droehnen: ueber Stock und Stein geht es, im Slalom um Kuehe, Hunde, Schweine, manchmal: Menschen.
Drei Dinge soll man brauchen, um in Indien Auto zu fahren:
Good horn, good brake, good luck.
Wir lehnen uns auf der Rueckbank zurueck und harren der Dinge die da kommen moegen, versuchen unser gelegentliches Gekreische auf ein minimales Mass zu beschraenken, um den Fahrer nicht noch zusaetzlich zu animieren, seine Augen von der Strasse zu nehmen. Wir schlaengeln uns durch enge Gassen, scheinen die halbe Stadt durchfahren zu haben – und sind ploetzlich beim “alten Kinderheim” – das erste, das hier errichtet worden ist und in dem etwa 40 Jungen leben. Das Gittertor wird uns geoeffnet, im Vorbeigehen beruehrt ein Junge meine Fuesse: ein Zeichen tiefsten Respekts. Keine Zeit bleibt mir, ueber das Unangenehme, das solche Verhaltensweisen fuer mich haben, nachzudenken, alle stehen sie synchron vom Teppich auf, auf dem sie noch eben gesessen und wohl gebetet haben und pressen die Handflaechen aneinander zum Namaste, das beinahe im spaerlich bemoebelten Raum widerzuhallen scheint. Man fuehrt uns herum, auch wenn es wenig zu sehen gibt. Tee gibt es, und Wasser und lauter Jungs unterschiedlichsten Alters, die einem die Hand schuetteln wollen, sehr hoeflich sind und ein bisschen schuechtern.
Riaj treffen wir wieder, den wir letzte Woche noch im Daycare-Center getroffen haben: Riaj, der eine weite Strecke zurueckgelegt hat, um zu diesem Projekt zu kommen, wie man uns erzaehlt.

Wir fahren weiter zum nahegelegenen Bahnhof. Der Schmutz, auch: die Atmosphaere (vorallem die Atmosphaere) sind sehr schwer zu beschreiben. Man soll die Fenster des Busses geschlossen halten, in dieser Gegend. Alles ist getaucht in ein orange-braunes Licht. Wir betreten den Bahnsteig, die Polizei soll gerade sehr streng mit dessen Bewohnern sein. Nichts ist zu sehen, von Alten, Kranken, Verletzten, von offenen Wunden und einem Elend, dem Einheimische mit Mundschutz begegnen. Ein Kind kommt nun ueber die Gleise gesprungen, grinst und bietet an, uns zu den anderen zu bringen.
Nun geht alles so furchtbar schnell, wieder hinaus aus dem Bahnhof, weg von den Bahnschienen, in eine Seitengasse und es wird ploetzlich dunkler und eng. Alles geht so rasend schnell, man kann kaum folgen; wir laufen diese schmale, teils ueberdachte Gasse hinunter; vielleicht 30m lang fuehrt uns der Weg direkt in eine Sackgasse. Im Halbdunkel, ueberall Menschen und ploetzlich: wir, mittendrin. Eine ganze Horde enwartet uns dort, ausschliesslich maennlich, jeder Einzelne hier scheint high zu sein. Neben uns schnueffelt ein Junge Klebstoff. Unzaehlige scheinen es zu sein, die da auf uns einstroemen, von allen Seiten kommen sie, wollen Haende schuetteln und anfassen und sehen; schmutzige kleine und groessere Haende, die nach uns greifen. Etwas Surreales hat das, das nicht in Worte zu fassen ist. Alles geht so rasend schnell, ich nehme alles nur im Groben wahr: die leeren Schnapsflaschen, ueber die ich stolpere und mir ein bisschen den Fuss verknackse. Ich werfe den ersten Blick zum Boden und alles ist uebersaet mit Abfall, Flaschen, Flaschen und noch mehr Flaschen. Aufblicken und nur noch Menschen sehen – die anderen drei Europaer, die von mir in der Menge “abgetrieben” werden. Mulmig wird mir hier, mein Magen scheint sich zu drehen – aber eine Spur Angst, diese Mischung aus Erschlagenheit und Hysterie, die kommt erst viel spaeter. Ich bin schon eingekeilt, umringt von Menschen, die mich ansehen mich anstarren. Wie von einem anderen Stern ist man. Alle sind neugierig, mit einem grossen gierig darin; Blicke aus wilden, verdrehten Augen.
Alles hier ist wie verfault, kaputt. Ein Blick in das naechste Augenpaar und unsicher wird man. Verschleierte Augen, harte Augen und die Gier; ein Hunger, der mir die Kehle zuschnuert.
Ploetzlich drueckt er meine Hand, ein untersetzter Jugendlicher – unmoeglich zu sagen, wie alt er ist; wie bei den allermeisten hier – sein Finger faehrt ueber meine Handinnenflaeche, als ob er etwas wollte, ich entziehe ihm meine Hand, fange seinen Blick um sogleich in eine andere Richtung zu schauen. Und alles geht so schnell. Er steht so nah bei mir, seine Hand an meinem Bein, meinem Bauch...- er hat seine Hose geoeffnet, stelle ich erstaunlich nuechtern fest. Wie komisch das ist, dass ich keine Angst habe, das kommt mir erst hinterher. Wieder hat er meine Hand gegriffen und haelt sie zu fest; sein Koeper presst sich an den meinen. Ich entreisse ihm meine Hand erneut, bestimmter, diesmal, und versuche ihn mit dem rechten Arm auf Abstand zu halten, soweit das moeglich ist. Es ist einfach kein Platz, alles zu sehr aus dem Rahmen, ich eingequetscht zwischen sovielen Menschen, ich kann nicht fort, alles zu sehr aus dem Rahmen um sich auch nur noch einen Anschein von Realitaet zu bewahren.
Ein Mann hinter mir, wohl ein Mitarbeiter vom alten Heim, bahnt uns einen Weg nach draussen, waehrend ich noch mit dem Untersetzten zu kaempfen habe.
Wie in Trance schieben wir uns zurueck auf den Vorplatz des Bahnhofs, sind bald umringt von einer grossen Traube Menschen. Den Untersetzten sehe ich nicht mehr, er scheint in dieser Drogenhoehle geblieben zu sein – aber die Situation ist noch immer so sonderbar und fordernd, dass ich kaum aufatmen kann. Wie Tiere drangen sie sich um uns, starren uns an.
Asha versucht, mit den Jungen zu sprechen – kommt zu uns, sagt sie, kommt zu Nitya Seva. Sie singen, sie tanzen, fallen uebereinander, als koennten sie sich kaum mehr auf den Beinen halten und alles ist so unsagbar grotesk, so widersinnig, ploetzlich. Die unmittelbare Gewissheit einer nur bedingt definierten Gefahr muss uns alle durchlaufen, in diesem Moment. Schweissperlen stehen auf den Stirnen der Mitarbeiter, die ihr Bestes geben, die Menge zurueckzuhalten. Wieder bin ich eingekeilt, zwischen halbweggetreten Kindern, die vor mir herumfallen, und Maennern zwischen 20 und 40 vielleicht, die sich hinter mir draengen und ihren Kreis immer enger ziehen, immer enger... Ich drehe mich um und sehe in etwa 15 Augenpaare, die mich alle gierig begaffen – man fuehlt sich, als wuerde man von diesen Blicken bei lebendigem Leibe verspeist. Vor mir, neben mir, hinter mir Maenner... Brot wird verteilt, an die Kinder mit den glasigen Blicken; die betrunkenen, die bekifften, die durchweg halbweggetretenen, die verlorenen Kinder von Bhopal.
Das Singen wirkt so schraeg, selbst Ashas Lachen ertrinkt. Etwa 5m Luftlinie von mir, ein Mandir mit geschlossenen Toren. Einige Brahmanen beobachten uns, sicher hinter den Gittern. Mir direkt gegenueber steht ein sehr magerer, alten Mann, die Haende das Gitter umklammernd, als sei er eingesperrt, und er starrt mich an, starrt mich an, auf eine Art, die noch viel unaussprechlicher ist, als die der anderen – gerade so, als wolle er mich hypnotisieren.
Hinter mir wird die Menge zurueckgedraengt, eine schmale Gasse entsteht, durch die wir zum Auto stolpern.
Kaum ein Wort wird gesprochen auf der Heimfahrt. Es ist elf Uhr.

Spaeter treffe ich Lena. Wir sitzen auf dem kleinen Balkon, machen kein Licht, sprechen ueber Gluehwuermchen und darueber, dass die Poster luegen.
Den “idealen Jungen” gibt es da, der nicht verschlaeft, Vater und Mutter ehrt, nicht stiehlt. Diese zerfledderten, ausgeblichenen, aufgeweichten Poster (da hier alles feucht und fleckig wird), die es an jeder Strassenecke zu kaufen gibt und die alles, aber auch alles zu verhoehnen scheinen, was ist.
Diese Jungen haben wir gesehen, in ihren fleckigen, loechrigen Sachen; haben ihnen gegenuebergestanden, Auge in Auge mit diesen halb weggetreten, diesen zerstoerten, diesen Jungen. Und die Maedchen in der Stadt, mit den verfilzten Haaren und der bettelnden Mutter.
Der Schlamm, der Staub der Laerm, die heruntergekommenen, fensterlosen Haeuser – und das “after every sad day comes a glad day”-Poster, eine Ecke abgerissen, die andere verfaerbt. Wie ein Import aus einer anderen Welt.
Die Kontraste in diesem Land sind so eindruecklich, ich weiss nicht, ob wir alle je vergessen werden.

Und Lena und ich, wir sitzen im Dunkeln auf dem Balkon und wir lachen, um nicht zu weinen, schuetteln uns vor Lachen und liegen schon auf dem Boden und koennen schoen nicht mehr atmen und sagen uns gegenseitig, keuchend und unterbrochen von staendig aus uns heraus brechenden Lachsalven: After every sad day comes a glad day und wir lachen, um nicht zu weinen.

Montag, 14. August 2006

Pani, Pani, Pani; tora, tora sun

Und es regnet und regnet und regnet – wer haette gedacht, dass wir heuter nocheinmal Strom bekommen?! Der Wasserwagen ist wegen der immensen Ueberschwemmung heute morgen nicht gekommen, auch keine Schulbusse; wenig haette gefehlt und das untere Stockwerk haette unter Wasser gestanden. Das alte Kinderheim, indem noch immer einige aeltere Jungs leben, stand tatasaechlich unter Wasser, nachdem es die ganze Nacht geschuettet hat, wie aus Kuebeln. Sogar eine ertrunkene Kuh soll vorhin vorbei getrieben sein. So ein Gewitter hatte noch nicht einmal der diesjaehrige deutsche Sommer zu bieten..
Ansonsten viel Geknuddel & Geknutsche, ich gebe mir redliche Muehe, mit den Kindern Englisch zu ueben, lerne selbst relativ fleissig Hindi Vokabeln und die Tage gehen so dahin.

Mit der schlechten Verbindung hier und dem permanent abstuerzenden Computer macht es wenig Spass zu schreiben, ich werde trotzdem versuchen ab und zu etwas reinzustellen – natuerlich auch, sobald ich wegfahre (in etwa 2-3 Wochen ist zB eine Fahrt zum Taj Mahal, nocheinmal ueber Delhi, geplant). Im September\Oktober sind wir hier zu 8., in dieser Zeit werde ich wohl auch nochmal wegfahren (...Varanasi kommt in die engere Wahl...).

Im Tempel

Sieben Wochen lang haben sie an jedem Freitag gefastet und sich dabei etwas gewuenscht, nun ist es soweit: es geht zum Tempel und beide wissen genau: nun wird der Wunsch bestimmt in Erfuellung gehen. Abend ist es schon und dunkel, die Weg zum Tempel ist gepflastert mit kleinen laeden, Blumen kann man kaufen, fuer die Goetter; aber es gibt auch Essen und Spielzeug und allerlei andere Sachen. Wir erklimmen die Stufen zum Tempel, ziehen die Schuhe aus, muessen uns die Fuesse waschen und duerfen dann eintreten. Hoehlenartig liegt da dieser Verschlag vor uns, es geht einige Stufen nach unten, der Eingang ist mit Silberspray besprueht worden, wirkt aber wegen der feierlichen Beklommenheit der Maedchen nicht laecherlich. In der kleinen Ausbuchtung am Treppenende steht eine Art kleiner Altar, ein silbernes Tablett, auf das man Geld legt, wenn man hinunter geht. Rechts daneben im Schneidersitz ein bestaendig singender Brahmane. Ich beobachte die Maedchen, wie sie hinunter gehen, lange Zeit kniend, den Kopf bis zum Boden vornueber geneigt, verharren. Ploetzlich drueckt mir eine der Angestellten. die uns begleitet hat, ein 5 Rupien Stueck in die Hand und nickt mir aufmunternd zu – seit Jahren habe ich mich nicht mehr so unsicher, so schuechtern gefuehlt. Ich gehe also langsam die Stufen hinunter und ueberlege krampfhaft, was ich nun wohl tun muss (staendig sehe ich Leute die Treppenstufen, dann ihren Mund beruehren; oder so eine Art Bekreuzigung ausfuehren. Aber was wann und warum?), schon bin ich unten, der Brahmane singt, im Halbdunkel schlaegt mir das Herz bis zum Hals, weil ich nichts falsch machen will oder am Ende gar jemanden beleidigen. Ich knie, presse die Handflaechen zusammen wie zum nicht ausgesprochenen Namaste, beuge mich ein bisschen nach vorn, meine den Brahmanen aus dem Augenwinkel laecheln zu sehen: ich lege ihm beschaemt das 5 Rupienstueck auf sein Tablett, er schuettet mir etwas in die Hand, ich stehe auf und bemuehe mich, moeglichst andaechtig wieder hinauf zu kommen. Das was er mir da in die ausgestreckte Hand geschuettet hat, stellt sich als eine Art essbare Perlen heraus; ein Gewuerz ueberzogen mit einer Zuckerglasur. Anschliessend sitzen wir alle oben im Schneidersitz auf dem Steinboden, die Haende gefaltet. Eines der Maedchen lehnt sich erneut vorn ueber, so dass ihr Kopf den Boden beruehrt (betet sie? Vermutlich), die anderen schwatzen und lachen, offenbar ist hier kein christlicher Ernst geboten (denn unwillkuerlich muss ich - in Betrachtung dieses bunten Ortes, voller Gesang, Raeucherstaebchen, Glitzersteinen - an die grossen, dunklen, christlichen Kirchen denken, in denen nicht gesprochen, nur gefluestert wird, in die sooft kaum ein Lichtstrahl faellt. Eine dunkle, eine strafende Religion – und nun der Hinduismus! Der vielfaeltige, bunte Hinduismus, dessen Goetter nicht ohne Fehler sind; an dessen heiligen Staetten auch aus voller Kehle gelacht werden darf (zB als die Heimangestellte, die ziemlich klein und dick ist, nach oben springt, um die Glocke zu laeuten, die vor einem der bunten Altare haengt, in denen Ganeshabilder von bunten Lichterketten beleuchtet werden und die Glocke einfach nicht erreichen kann.
Auf dem Rueckweg sind alle in ausgelassener Stimmung. Wir haben unsere Schuhe wieder, sind um einige Rupien und einige Milliliter Blut erleichtert (die Muecken hie koennen gar nicht von mir lassen) und fahren durch die Dunkelheit ueber holprige Strassen voller Schlagloecher zurueck nach Hause. Und die Maedchen singen.

Mittwoch, 9. August 2006

Endlich wieder Modem

- wie hab ich das vermisst! Und die konstante Angst, dass der Strom gleich wieder ausfallen koennte; leider eben kein Laptop sondern ein PC, an dem zwar USB steht, in dem aber kein USB drin zu sein scheint, daher zunaechst keine Bilder (die Kamera darf man hier uebrigens gar nicht auspacken; alle sind so Foto verrueckt, dass man die naechste Stunde nur noch mit unentwegtem Fotografierern beschaeftigt sein wird - das macht irgendwie wenig Spass...) . Gestern fast noch meinen Flug verpasst, totales Chaos, weil eine Dreiviertelstunde vort letztem Check-In Termin am falschen Flughafen! Mit der Riksha zum anderen gerast und gerade noch so alles geschafft. Im Flugzeug meinen sich genuesslich ausbreitenden (mir staendig seine Ellenbogen in die Seiten rammenden, permanent schmatzenden und anonsten Finger/trommelnden und -knacksenden) Nebenmann erwuergt, entsprechend fix und fertig angekommen. Dort drei Heimangestellte und Lena getroffen, die seit einer Woche hier ist und dank British Airways genau so lange schon auf ihr Gepaeck wartete (gelobt sei meine indische Airline!) - dann los. Eine halbe Stunde spaeter, eine halbe Stunde durch Dunkelheit und Schlagloecher, eine halbe Stunde spaeter sind wir da und grosses Empfangskomitee, klatschend stehen sie, ueberall; sie werfen mir Blumen ins Haar und malen mir einen Punkt auf die Stirn und ich denke schon ich heirate; alle wollen mich anfassen und tun es auch. "Didi, Didi", rufen sie, solange, bis sie meine Aufmerksamkeit geniessen. Didi, das heisst soviel wie grosse Schwester. Nirgends kann man hingehen, ohne nicht gleich ein Kind zu umarmen, eins zu tragen, eins an die Hand zu nehmen. Abends erzaehlt mir eine noch ganz jung aussehende Inderin, dass sie schon 21 ist; das Baby Abid, das von allen herumgetragen und gehaetschelt wird, ein Jahr alt und grapschwuetig, das ist ihrs. Der Mann dazu sitzt nun noch 3 Jahre im Gefaengnis. Halb verhungert ist sie mit dem Kind aufgelesen worden, putzt nun hier und haelt die Maedchen in Schach und hat dafuer Unterkunft und Essen. Totmuede falle ich ins Bett aber auf dem Flur ist noch lange lautstarkes Gerede im Gange; es ist immer jemand in der Naehe. Gegen halb eins falle ich in einen tiefen, traumlkosen Schlaf - kurz nach sieben bin ich wieder wach: lautes Geschrei auf dem Flur und heute sind auch alle besonders aufgeregt: es ist Raki, Bruder-Schwestertag, an dem die Schwestern den Bruedern Armbaender umknuepfen und Suessigkeiten geben. Diese hingegen versprechen den Schwestern lebenslangen Schutz. Kaum habe ich den ersten Kaffee hinunter gestuerzt und wanke noch immer benommen durch die Gaenge, schon werde ich abgefuehrt: "Sari, Sari!" rufen sie, udn die taubstumme Frau, deren sehnlichster Wunsch nur ist, zu heiraten, beweist ihre Fertigkeit im Sari umwickeln (ich koennte es nicht nachmachen..). Sie wollen, dass ich mich schminke, buersten mir die Haare und nun bin ich reif fuer Raki.
Ich sitze in der Meute von ca 130 Kindern, links und rechts, vorne und hinten lehnt man sich an mich an. Immer wieder: "Didi, Didi, Didi, your name? Didi, Didi!" Im Arm die Kleine mit Muskelschwund, die vergnuegt quietscht, als ich mit ihr herum albere.
Viele Maedchen weinen, weil ihre Brueder nicht hier sind, zum grossen Teil noch auf der Strasse leben, bei den Eltern oder wer weiss wo.
Spaeter lassen lena und ich uns voellig geschafft vom Fahrer in die Stadt bringen und schlappen im stroemenden Regen durch den Matsch, um einzukaufen.

Dienstag, 8. August 2006

Ein letzter Blick über die Stadt

indien-tag-1-149

Also nocheinmal: Sarojini Nagar, ein Ort, an dem schon eine halbe Stunde für den Geldbeutel zu viel ist. Etwa eine Stunde bleibt mir noch, dann muss ich los...

indien-tag-1-150

Unterwegs noch gedacht, das Letzte, das mir jetzt fehlt, ist ein Rikshaunfall, prompt geschah ein eben solcher.

Mein jugendlicher Rikshafahrer war dann ganz fertig mit den Nerven und fuhr dadurch noch viel schlechter als zuvor, aber hier liegt eben doch allem ein ganz anderer Entspannungsgrad zu Grunde. Undenkbar in Deutschland, jemandem eine so riesengroße Schramme in den Lack zu fahren und vollkommen ungeschoren davon zu kommen. Man winkt ab, bringt sein gefährt wieder in Schwung und fährt weiter.
Und ich muss wieder denken an Herz links, Fahrersitz rechts. Herrliche Mentalität.
Trotzdem: wer hier Auto fährt ist eine verdammt coole Sau!

Nächster Eintrag ungewiss. Aber ich gehe nicht verloren.

indien-tag-1-151

10 vor 5

...und ich kann einfach nicht schlafen!

indien-tag-1-125

Also ein nachtrag zum Lodi Garden: wie genau stellt man das an, es anderen nicht erlauben, Bäume zu beschädigen, mein ich?
So. 4. Schlafversuch.

Montag, 7. August 2006

So sad

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Verkehr

So schön wars, knapp 14 tolle Tage in einer ganz neuen Welt, in einer lebendigen Stadt...
Ich sitze am Computer, spät ist es schon, und man bekommt so ein ganz mulmiges Gefühl, wie es immer ist, wenn man plötzlich bemerkt, wie glücklich man gewesen ist.
Und sicher kommt ein neues Kapitel, das, wenn auch vermutlich ganz ungleich dem bisherigen, ebenfalls ein Erlebnis werden wird. Wieder packen, wieder fliegen, wieder irgendwo ankommen. Ich bin gespannt, ich freue mich, bemühe mich, keine Erwartungen anzuhängen, um alles offen zu halten, für Eindrücke - und doch, ein großer Klumpen, der sich, wie aus dem Nichts, in mir materialisiert zu haben scheint.
Diese zwei Wochen bekommen nun, zum Ende hin, eine ganze neue Dimension, eine ganz andere Bedeutung, Tiefe und plötzlich: ein gewaltiges Gewicht. Ich bin nicht im morgen, nicht im übermorgen, nicht verspannt, nicht gehetzt, nicht verstellt - ich bin plötzlich hier und lebe ein Stück Moment, was mir so untypisch fremd, neu und - ja, man muss sagen: heilsam, vorkommt.
Nothings gonna be the same. Darf man das sagen, nach dermaßen kurzer Zeit?
ich denke: ja.

(Abschied ist scheiße)

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(Riksha zu viert - die Frisur hält)

Wo die Welt noch in Ordnung ist

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Hier liegt der Botschaftsangestellte, wenn er ausspannen will. Nicht schlecht, wa?
(Bild:dt Botschaft, Delhi)

Sonntag, 6. August 2006

Im Park der Liebenden

Zugegebenermaßen ein Titel, der entfernt an Rosamunde Pilcher erinnert, zu diesem Anlass allerdings ein durchaus passender ist.

Gestern abend waren wir dann doch sehr viel länger auf einer Party, als wir wohl gedacht hätten - toller Abend!

indien-tag-1-101

Dementsprechend langsam und faul tropften die Stunden dahin, bis wir endlich einen Fuß vor die Tür setzten... Zum Schuster vorm Haus

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..und vorbei an einem Bild, das jeden Tag meine Laune bessert - wenn auch weniger dank schönem Anblick als eher starker Verwunderung.............

indien-tag-1-141

(ich bitte hierbei dringend zu beachten FOR RENTAL, wer es also gar nicht ohne mich aushalten kann...:))

...und unterwegs dann noch dieses schöne - leider etwas unscharfe - Bild festgehalten (ich bin noch immer nicht über die Schönheit und Anmut der Menschen, gerade der Kinder, hinweg - und es scheint jeden Tag "schlimmer" zu werden). Diese Baustelle ist übrigens nur zwei Häuser weiter - jeden Tag sieht man mit Verwunderung, dass sie noch steht, keiner durch die scheinbar wackelige Konstruktion einbricht.

indien-tag-1-139


Dann also weiter zum Lodi-Garden, einem ganz wunderbaren Park, der trotz auffälliger Gepflegtheit leider doch nicht ganz vor Vermüllung gefeit ist - davon immerhin keine Bilder, um den ästethischen Eindruck nicht zu schmälern (böse Stimmen nennen es auch Zensur).

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Hier darf man, so sagte man mir, was auf offener Straße nicht erlaubt ist: Händchen halten, knutschen, im Gras liegen und sich zu zweit hinter Büschen verstecken. Geglotzt wird - wie immer - trotzdem und doch sieht man an allen Ecken nur glückliche, lächelnde, händchenhaltende Paare, lachende Kinder und - wie sollte es anders sein - bettelnde Kinder, und doch scheint hier alles halb so schlimm.
Soviel grün hatte ich in zwei Wochen nicht gesehen, gleich sah alles etwas milder aus, ruhiger - Idylle inmitten einer geschäftigen Stadt.

indien-tag-1-120

Plötzlich fröhlich lärmende, Ball spielende Inder mit Anhang...

indien-tag-1-115

und Streifenhörnchen, Massen von Streifenhörnchen (und Krähen mit Plastikbechern im Mund - Eis essende Krähen, munkelt man)

indien-tag-1-129

indien-tag-1-133

Ein Bau, der romantisch aussieht, mir in seiner Funktion allerdings unklar ist..

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dann weiter im Programm...

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und die Entdeckung des Krähenparadieses - nicht in Australien, wie ich aus bisheriger Erfahrung annahm - , sondern in Delhi!

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Hier noch ein Bild für Hyronimus (und sicherlich Rastorbator-fähig)..

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dann ging es auch schon fast nach Hause.

indien-tag-1-142

und hätten wir nicht noch einen derartig aufwühlenden Bollywoodfilm geguckt, in dem es - außer der Liebe natürlich - hierum ging, dann könnte ich jetzt mit noch besserer Laune ins Bett gehen.

dilse

(Übermorgen gehts nach Bhopal - bin schon ganz gespannt!)

Freitag, 4. August 2006

Kleine Inder, große Show





Waren in einem anderen Viertel bei einer Bluesband - rockende Inder! Sukesh nennt mich jetzt nur noch Ms Popular, aber das wird er hoffenltich bald wieder vergessen. Weiße Haut scheint sehr anziehend - oder hip? Immer noch ist mir nicht klar, wie einem der Gedanke kommen kann, bei starkem englischen Akzent und ohrenbetäubender Lautstärke einem Mädchen ins Ohr zu schreien, was man so beruflich macht. Einem Mädchen, das noch dazu etwa 15cm größer ist, als man selbst. Nun ja. Allgemein kommen mir hier meine 1 3/4 Meter gigantisch vor; man sinkt nur noch in sich zusammen, kann aber immerhin bei Konzerten selbst in der fünften Reihe noch einwandfrei die Band sehen. Man soll ja positiv bleiben.
Ein tolles Konzert also; eine kleinem, schmale Frau mit einem Wahnsinnsorgan, aber nicht genug Volumen (das musste ich feststellen, sonst wäre ich in meiner Eitelkeit gekränkt) und übrig bleiben ein paar verschwommene Bilder, denn Blitz isst Atmosphäre und kein Blitz isst Bildqualität. Ich finde immerhin, es ist schon fast Kunst.

indien-tag-1-086

Einziges Ärgneris also das lange Stehen und die stark behinderte Konzentration auf die Band ("Can I buy you a drink?", "you got naturally curly hair?" *grapsch*, "I'm workin' in architecture, we got a studio; come around, I'll give you a tour..."). Draußen dann überwindet sich der Bodybuilder, der noch einige Drinks und eine Dreiviertelstunde Anlauf gebraucht hat, mir relativ wortlos aber breit grinsend seine Karte in die Hand zu drücken.
Eva meint, "wir finden dir einen Inder" - I don't think so.

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